Die Geschichte des Notarztwagens Darmstadt

Wie alles begann

Aufgrund der steigenden Unfallzahlen wurden in den 1960er Jahren deutschlandweit Notarztsysteme etabliert.

Auch in der Wissenschaftsstadt Darmstadt, welche bereits zum damaligen Zeitpunkt ein besonders hohes Verkehrsaufkommen aufzeigte, bot sich dieses erschreckende Bild der hohen Opferzahlen.

Auf Initiative des Darmstädter Unfallchirurgen Dr. med. K. F. Holm, dem damaligen DRK Kreisverbandsarzt  wurde die Idee geschaffen, auch in der Stadt Darmstadt ein Notarztsystem zu installieren.

Ein kleines Team, bestehend aus Visionären, setzte sich an die Planung. Der Gedanke den ersten „Darmstädter Notarztwagen“ ins Leben zu rufen, lies sie nicht mehr los.

Eine Vision, welche bis heute tausenden Menschen das Leben gerettet und zehntausenden geholfen hat.

Die Arbeit und Planung lohnte sich, auch wenn diese mit Höhen und Tiefen verbunden war und bei weitem keinen einfachen Weg darstellte.

Ein steiniger Weg

Aller Anfang ist schwer. Das betraf auch den Notarztwagen Darmstadt. Eine Vielzahl an Hürden mussten genommen werden. Rechtliche Rahmenbedingungen, wie wir sie heute kennen, bestanden zu diesem Zeitpunkt nicht. Der Rettungsdienst wurde nicht zentral geregelt. Es fehlte schlichtweg das erst 1990 in Kraft getretene Rettungsdienstgesetz.

Ein weiteres großes Hindernis stellte die Finanzierung dar. Eine Finanzierungsgrundlage bestand nicht. Das Sozialgesetzbuch V (Krankenversicherung) stand noch in den Sternen, aber der Druck ein Notarztsystem einzuführen wurde größer.

Die Zahl der Verkehrstoten hat im Jahr 1970 den höchsten Wert erreicht. Seitdem sinken die Zahlen (Stand 2019: 3.046), auch durch neue, innovative Systeme, wie dem Notarztwagen Darmstadt.

Die Vision "NAW-Darmstadt"

Vorbild für die Idee des NAW-Darmstadt war das „Modell Frankfurt“. Im Zentrum der bahnbrechenden Überlegungen stand eine Mannschaft aus hauptamtlichen Notärzten und Rettungssanitätern. Stationiert waren diese in den Unterkünften des Deutschen Roten Kreuzes in Darmstadt. Auch wird das Rettungsdienstpersonal vom ersten Tag, durch das DRK Darmstadt gestellt.

Durch diese enge Zusammenarbeit entstand ein einmaliges Konzept, dessen Wurzeln bis heute sichtbar präsent sind.

Während der Notarztwagen zunächst in der Wolfskehlstraße stationiert war, erfolgte im Jahr 1983 der Umzug in die Mornewegstraße, direkt hinter der Berufsfeuerwehr Darmstadt, wo bis heute der Notarzt, sowie ein Großteil des Rettungsdienstes Darmstadt stationiert ist.

06. November 1970

Am Freitag, den 06. November 1970 war er dann soweit. Pünktlich um 07.00 Uhr morgens, meldete sich der Notarztwagen Darmstadt zum ersten Mal einsatzbereit. Alle Hürden waren genommen, dass Fahrzeug getankt und das Personal heute wie damals voll motiviert.

Der Notarztwagen Darmstadt war für die Region Starkenburg / Südhessen ein Vorzeigeprojekt. Der damaligen Zeit weit voraus, rettete er von der ersten Stunde Menschenleben und zeigte, dass der Rettungsdienst sich verändern wird.

So feiern wir heute, im November 2020, dass 50-jährige Bestehen, eines Notarztsystems in Darmstadt, welches damals wie heute rund um die Uhr besetzt ist und für die Darmstädter Mitbürgerinnen und Mitbürger, sowie den angrenzenden Landkreisen zur Verfügung steht.

Wissenschaftliche Studien

Von Beginn an war das Ziel des NAW-Teams die Notfallmedizin weiter zu entwickeln und voranzutreiben. Das Projekt „NAW Darmstadt“ nahm an den verschiedensten Kongressen und Studien teil.

Im Jahr 1988 findet dann eine große Urokinase-Studie statt. Auch der Notarztwagen Darmstadt ist neben den NAWs aus Kiel, Lübeck und Altona daran beteiligt, zu erproben ob es einen Nutzen der präklinischen Thromobolyse-Behandlung des akuten Myokradinfarkts gibt.

Gemeinsam mit dem Klinikum Darmstadt (damals: Städtische Kliniken Darmstadt) und dem Elisabethenstift kommt man zum Ergebnis, dass bereits die Anwendung einer Lysetherapie am Notfallort bedeutende Therapieentscheidungen für den Patienten sind. So konnte durch die Maßnahmen des Notarztes ein Zeitgewinn von bis zu 45 Minuten erreicht werden.

So war der NAW-Darmstadt auch an der von Prof. Dr. med. Doenecke im Jahr 1989 beauftragten Darmstädter Infarktstudie beteiligt. Hierbei sollte unter anderem das Verhalten von Patienten mit akutem Myokardinfarkt im Einzugsgebiet von Darmstadt untersucht werden.

Medizingeräte und Ausstattung

Eine weitere Besonderheit des NAW-Darmstadt: Die Ausrüstung. Von Anfang an, führt der NAW Darmstadt mehr Ausrüstung mit sich, als für die damalige Zeit üblich. Bereits 1981 setzt das NAW-Team ein tragbares EKG mit Defibrillator ein. Das in den USA entwickelte Gerät der Firma Physio-Control trug den passenden Namen „Lifepak 5“. Nur drei Jahre später wurde ein akkubetriebener, transthorakaler Schrittmacher, entwickelt von Dr. med. Alexander Raftopoulo, eingesetzt.

Im Jahr 1985 setzt das NAW-Team Spritzpumpen zur volumengesteuerten Gabe von Medikamenten ein.

Bis heute führt das Notarztsystem Darmstadt Ausrüstungsgegenstände weit über die Norm hinaus mit sich mit, um den Patienten bereits am Notfallort die bestmögliche Therapie zu bieten.

Ein Fahrzeug mit Geschichte

Eins hatten alle Fahrgestelle des Notarztwagen Darmstadt gemeinsam: Den Mercedes-Stern auf der Haube. Das Ur-Modell NAW-Darmstadt wurde auf der Baureihe des Mercedes-Benz T2 aufgebaut. Der Sonderaufbau wurde hauptsächlich durch den Aufbauhersteller Binz im Thüringischen Ilmenau gefertigt. Als im Jahr 1996 die Produktion von Mercedes eingestellt wird, folgt auch ein Fahrzeugwechsel des NAWs. Die neue Generation basiert auf dem Mercedes-Benz Vario (T2W) der als direkter Nachfolger des T2 gilt.

Die Einstellung der Vario-Produktion durch Mercedes im Jahr 2013 wird jedoch der Notarztwagen Darmstadt nicht mehr erleben.

Das Ende und der Neuanfang

Die Zeit schreitet voran und auch Darmstadt verändert sich. Der demografische Wandel bewirkt steigende Einsatzzahlen, der Notarzt wird nun häufiger, an mehreren Stellen nahezu gleichzeitig benötigt.

Die Automobilindustrie wird sicherer, die Unfallzahlen sinken. Hierdurch kommt es zu einer Wende in der Notfallmedizin – Während bislang Verletzungen und Unfälle den Großteil der Einsätze ausmachte, steigen nun die Einsatzzahlen der internistischen Erkrankungen an. Volkskrankheiten wie Bluthochdruck und Diabetes Mellitus sorgen für einen Umschwung der Einsätze.

Auch verändert sich die Qualifikation des Rettungsdienstfachpersonal: Rettungssanitäter, Rettungsassistenten und die heutigen Notfallsanitäter sind umfangreicher ausgebildet als in den Anfängen des Notarztsystems.

So entschied auch die Wissenschaftsstadt Darmstadt als Träger des Rettungsdienstes, dass zum 01. November 2008 das Notarztsystem von Notarztwagen (NAW) auf Notarzteinsatzfahrzeug (NEF) zum sogenannten Rendezvous-System wechselt.

Die neuen Jahrzente 2010 | 2020

Heute betreibt die DRK Rettungs- und Sozialdienste Starkenburg gGmbH in Kooperation mit den Institut für Notfallmedizin des Klinikums Darmstadt das einzige primäre Notarztsystem der Stadt Darmstadt. Im Einsatz ist zurzeit das im Sommer 2020 ausgelieferte NEF auf Basis eines Mercedes-Benz Vito.

Der Grundgedanke des Notarztwagens indes ist nicht ganz ausgestorben. Als arztbesetztes Rettungsmittel ist bis heute der Intensivtransportwagen Darmstadt im Einsatz. Dieser ist ein Teil des NAW-Nachfolgers und sorgt weit über die Kreisgrenzen hinaus für die Verlegung und fachliche Betretung von intensivmedizinisch sich betreuenden Patienten. Gemeinsam mit dem ASB Darmstadt betrieben, rückt das Fahrzeug bis heute aus der Mornewegstraße 15 in Darmstadt aus.

Eine bewegte Geschichte, mit Höhen und Tiefen, die sich stetig weiterentwickelt.